Wertvolle Tipps


VERMARKTUNG VON MANUSKRIPTEN

Vortrag von Joachim Nortmann

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ein guter Redner darf über alles reden nur nicht über 30 Minuten, denn er soll das Thema aber nicht seine Zuhörer erschöpfen. Ich werde versuchen, dieses Limit einzuhalten.
Zu meinem Thema "Vermarktung von Manuskripten" ist viel geschrieben und noch mehr gesagt worden. Daher will ich mich darauf beschränken, Ihnen eine Momentaufnahme des Marktes von heute zu geben. Ich werde mich weiterhin darauf beschränken, kommentarlos einen Teil derjenigen Personen zu zitieren, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man professionell publiziert. Meine Zitate stammen teils aus persönlichen Gesprächen innerhalb der letzten 6 Monate, teils aus Veröffentlichungen während dieser Zeit.
Eine zentrale Rolle spielt der Literaturagent. Mit der Beantwortung der Frage Was tun eigentlich LITERATURAGENTEN? möchte ich Ihnen die in dieser Branche führenden Köpfe für den deutschsprachigen Raum vorstellen. Also, was tun Literaturagenten?
Sie halten Händchen und unter­schreiben Millionenverträge. Sie führen nachts schicksalschwere Telefongespräche und lesen ganze Bücher in einer halben Stunde quer, um dann zu entscheiden, ob das Werk zum Bestseller taugt oder nicht. Sie erkennen bei einem Manuskript sehr rasch die Schwächen: Der Autor hat Probleme mit dem Tempus, trumpft zu sehr auf mit seinen Metaphern, schiebt einige Charaktere zu stark in den Vorder­grund, drängt andere zu weit zurück. So sagen sie auch schonungslos, wenn das Manuskript oder der Autor oder gar beide nichts taugen. Sie betreuen und bera­ten, loben und trösten "ihre" Schriftstel­ler. Sie rechnen deren Tantiemen ab und kümmern sich oft auch um die Steuerzah­lungen. Sie gehen für ihre zarthäutigen Autoren in den Nahkampf und handeln mit Verlegern und Verlagsmanagern Ver­träge über Vorschüsse und Verkaufspro­zente aus. Sie feilschen über Film- und Nebenrechte: Literaturagentinnen sind schlechthin unersetzlich. Sie haben richtig gehört, ich sagte ganz bewußt  "Literaturagentinnen," denn die meisten in dieser Profession Tätigen sind weiblichen Geschlechts. Warum dies eine Frauendomäne ist, begründet eine der Spitzenagentinnen, Eva Koralnik, so:
"Frauen sind im Vorteil, weil sie nicht nur an der Ware Buch, sondern auch an ihren Herstellern interessiert sind. Die ebenso kreativen wie hilfs- und schutzbe­dürftigen Wesen, die Schriftsteller, wollen betreut, beraten und ein bißchen gehät­schelt werden. In der kälter und unüber­sichtlicher gewordenen literarischen Welt suchen sie Orientierungs-, ja Fixpunkte. Und dies zu geben, dazu sind Frauen besser geeignet als Männer."
Zurück zum Alltag den Agentinnen, die ja nicht nur ihr Klientel hätscheln.
85 Prozent aller großen Literaturerfolge der letzten Jahre - so wird geschätzt -  sind der Vermittlung von Agenten zu ver­danken. Der Spürsinn für neue Talente ist bei den Agentinnen mitunter phä­nomenal.  Sie erfassen alles, was auf dem Markt vor sich geht, telefo­nieren endlos. Ihre weitverzweigten Kontakte zu Vertretern des Literaturbetriebs und die Kungeleien mit Erfolgsschriftstellern und Kulturfunktionären verschaffen ihnen ihr Insi­derwissen. Dieses Insiderwissen ist einerseits die Grauzone des Gewerbes und andererseits ihr Kapital und der Start­vorteil ihrer Autoren. Typische Agentenaufgaben  sind es, zu beobachten, was im Markt passiert und Re­zensionen lesen.
Der Markt hat sich in den letzten 10 Jahren gewaltig verändert. Alles ist schnellebiger geworden. Die Verlage wechseln häufiger die Programme und ebenso häufig auch das Management, die neuen Verlagschefs sind nur noch leitende Angestellte, die bei Mißerfolg ausgetauscht werden. Für die Autoren gibt es nicht mehr den Verleger als Konstante. Die Idylle vom fürsorglichen Patriarchen, der seinem Schreiber den Arm um die Schul­ter legt und Geborgenheit suggeriert, ist Biedermeier von gestern. Die große ewig neue Frage: Mit welchem Manuskript geht man wohin, sprich, zu welchem Verlag? wird immer wichtiger. Bei der Beantwortung dieser Frage, spielt der Agent die entscheidende Rolle.
Heute ist es wichtig festzulegen, wie einem neuen Buch der be­ste Auftritt verschafft wird.  Streng achtet die Agentin darauf, daß das Buch des von ihr betreuten Autors im Programm des publizierenden Verlages an herausragender Stelle plaziert wird und weiterhin, daß der Verlag gute, intensive Werbung betreibt. Dies alles wird bis ins letzte Detail geklärt und schließlich vertraglich fixiert, von der Agentin, versteht sich.
Jede Arbeit hat ihren Preis. Die Honorare der Literaturagentinnen liegen etwa bei 20 % bis 25 % der Vertragssumme, 30 % bei Neulingen, denn sie machen mehr Arbeit. Prominente Autoren können ihren Agenten gelegentlich bis auf 12,5 % drücken, da sich ein Buch mit gutem Autorennamen leichter und teuerer verkaufen läßt.
Einerseits sind sie die Agenten die meistge­haßten Leute in den Verlagen, weil sie in den Verträgen auch Kleingedrucktes mit erbsenzählerischer Pingeligkeit durchfor­sten. Andererseits kommt der Literatur­betrieb ohne sie längst nicht mehr aus.
"Gute Vermarktung wird im Wettbewerb immer wichtiger«, sagt Uwe Wittstock, 41, Cheflektor bei S. Fischer in Frankfurt. »Bei mehr 1.500 Manuskript-Zusendungen pro Jahr können wir längst nicht mehr al­les sichten und sind froh, wenn die Agen­ten uns diese Arbeit abnehmen. Sie, die Agenten, ken­nen unsere Programme und wissen, was in unser Verlagsprofil paßt. Wenn beispielsweise Karin Graf sich für ein Manuskript stark macht, werde ich hellhörig."
Zur Information: Karin Graf ist der neue Shooting Star am Himmel der deutschen Top-Literaturagentinnen; 44 Jahre, wohnt in Berlin, Mommsenstraße, nahe am Kurfürstendamm. Ihre Agentur besteht erst seit drei Jahren. Es werden 30 Autoren betreut. Ihre Credo - Originalton: Der richtige Lektor und der richtige Verlag sind wesentlich für den Erfolg. Ins Hand­werkliche mische ich mich nicht ein. Ich streiche nicht in Manuskripten herum. Sobald ich erkenne, daß die Technik des Schreibens beim Autor nicht perfekt sitzt, befasse ich mich mit dem Manuskript nicht, denn dann hat das Buch keine Chance am Markt." Soweit Frau Graf.
Einflußreich am Markt sind auch Eva Koralnik und Ruth Weibel in Zürich. Sie haben die Nachfolge der legendären Literaturagentin Ruth Liepmann.
Noch einflußreicher ist Sabine Ibach, 54. Sie leitet The Mohrbooks Literary Agency, Zürich, Kloster Str. Hier handelt es sich um die größte Agentur im deutschsprachigen Bereich. Frau Ibach ist berühmt dafür, daß sie schon manchen Bestseller eingefangen und krasse Außenseiter entdeckt hat, so die Autobiogra­phie von Muhammad Ali und die Memoiren Nelson Mandelas. Berühmt und berüchtigt sind auch ihre Manuskript-Auktionen.  Bei diesen Versteigerungen rangeln mehrere Ver­lage um den Zuschlag für ein Manuskript. Man sollte es nicht glauben, oft rangeln sich Verlage um ein Manuskript ohne dessen Inhalt zu kennen, vorausgesetzt der Autor ist attraktiv genug.  Das Biet­gefecht beginnt meist bei 50 000 Mark und wird immer öfter über 500.000 DM hochgetrieben.  Am Ende bleibt einer übrig, ein ganz normaler Vorgang.
Die Rivalin von Frau Ibach ist Ursula Bender in München. 1961 wanderte sie nach USA aus, 1986 kehrt sie nach Deutschland zurück, nun perfekt in der amerikanischen Verkaufspraxis. Sie dirigiert die Agence Hofmann, die vermutlich zweitgrößte Literaturagentur Europas, mit weiteren Büros in London und Paris. Über den Markt hat sie eine ganz feste Vorstellung: "Amerikanische Bücher lassen sich gut verkaufen, Deutsche Autoren sind meist zu schwierig und zu unprofessionell. Deutsche Lyrik ist fast unverkäuflich; ich befasse mich aus diesem Grunde überhaupt nicht damit. Lyrik ist kaum übersetzbar und erreicht daher nicht den Weltmarkt; das ist kein Geschäft." Ihr Kalkül sieht so aus: Man schätzt, daß etwa 90 Millionen Menschen bequem Deutsch lesen können und zwischen 400 und 450 Millionen englisch, d. h. der anglo-amerikanische Markt ist fünf mal so groß wie der deutsche. Dies bedeutet: ohne Erfolg auf dem anglo-amerikanischen Markt kein internationaler Durchbruch; ohne internationalen Durchbruch keine Chance auf das große Geld.
Nur zwei Männer sind es, die unter den Literaturagenten eine größere Rolle spielen: Peter Fritz in Zürich und  Michael Meller in München.
Werfen wir nun einen Blick auf den Buchhandel, der ja an vorderster Front steht, denn er muß das Buch, Stück für Stück, einzeln an den Käufer bringen. Verleger Nowatki sieht die Dinge so: "In Zeiten, in denen der Buch­handel rationalisiert und das An­gebot lieferbarer Titel auf dem Bü­chertisch verkleinert wird, fallen viele kleine ambitionierte Verlage durch den Rost. Ganz klar, gut ro­tierende Titel versprechen mehr Umsatz bei geringeren Händlings­kosten. Literatur wird zunehmend zur Ware, ein Verlag mehr oder minder zum Lieferanten und der Buchhändler schließlich zum reinen Verteiler. Umso weniger Lieferanten, desto besser. Die Diversifikation ist ein entscheidender Faktor für die Qualität einer Buchkultur, aber heute muß eben diese Qualität der Quantität des Bestsellers wei­chen.  Im Klartext, der kleine Buchhändler und der kleine Verleger verlieren ihre Existenzgrundlage, sie müssen dem Großverlag und den Buchkaufhäusern à la Hugendubel oder Gemini-Kette das Feld räumen.
Diese Entwicklung wird noch dadurch beschleunigt, daß der Buchhandel in 1997  einen schweren Umsatzeinbruch von voraussichtlich mehr als 10 % hinnehmen mußte; exakte Zahlen liegen noch nicht vor.
Kommen wir nun zum nervus reum, zum Geld. Was kann ein Autor verdienen?
35 Millionen Pfund Ster­ling (mehr als 90 Millionen Mark) verpflichtet sich der Verlag Harper Collins seinem britischen Autor Jeffrey Ar­cher für drei Bücher zu zahlen - die er erst noch schreiben soll. Übrigens, Archer hat sich bereits ein auf 50 Millionen Pfund (130 Mio DM) geschätztes Vermögen er­schrieben.
Auch  Autoren wie Stephen King oder Tom Clancy erhalten je Titel allein für die US-Rechte zwischen zehn und 20 Millionen Dollar (14 bis 28 Millio­nen Mark), bevor sie auch nur mit dem Schrei­ben anfangen. Alexandra Ripley bekam für "Scarlett", die Fortsetzung von "Vom Winde ver­weht", fünf Millionen Dollar; der deutsche Verlag Hoff­mann & Campe zahlte für die deut­schen Rechte 1,3 Millionen Mark.
Für Großverlage hat stets die Sicherheit des Erfolges den Vorrang. Deshalb eskaliert seit den späten sechziger Jahren das Geran­gel um immer höhere Vorschüsse. Dieses Spiel der Autoren und ihrer Agenten läuft unter der Devise: Krieg' ich das Geld nicht von euch, hol' ich's mir eben woanders. Ir­gendwer ist fast immer bereit, sich die Abwerbung eines Autors mit großem Marktwert viel kosten zu lassen. Da baut man notfalls lieber Personal ab und spart das nötige Spielkapital bei Autoren ein, die "we­niger wert" sind.
Einst haben Bestsellerautoren das übrige Programm eines Verla­ges abgesichert; heute höhlen sie es aus.
Deutsche Autorennamen findet man kaum unter den Großverdienern in der Literatur. International spielen nur ganz, ganz wenige deutsche Schriftsteller überhaupt eine Rolle.
Woran liegt das? Die Gründe sind vielschichtig und ausschließlich hausgemacht. Summerset Maugham schreibt in seinen Lebenserinnerungen, das einzige Lebensrecht des dramatischen Autors besteht darin, das Publikum zu unterhalten.
Aber Unterhaltung hat in Deutschland - sei es in der Musik, sei es in der Literatur - einen geringen Stellenwert. Wie fatal diese Einstellung ist, erläutert Frau Klein­lein aus dem Hause Lübbe: Ein Blick auf die Bestsellerlisten genügt, um sich da­von zu überzeugen, daß der leichte, unterhaltende Roman sehr gefragt ist. Namen wie Ken Follet, Rosamunde Pilcher Annegrit Arens, Hera Lind und andere stehen nun mal für spritzige Un­terhaltung. Darüber hinaus gibt es noch eine Unzahl heimlicher Bestseller, die nie in einer Liste auftauchen, aber oft sechstellige Ver­kaufszahlen aufweisen. Umfra­gen wie ,Was lesen Sie im Urlaub?', ergeben häufig ein falsches Bild, denn die wenigsten wollen zuge­ben, daß sie in der Freizeit zur Entspannung gern etwas Leichtes lesen. Wie gesagt, Unterhaltung hat nun ein­mal in Deutschland einen niedri­gen Stellenwert, deshalb ist man bemüht, sich durch Nennung lite­rarischer Werke elitär zu geben. Eine rühmliche Ausnahme bildete da einst Adenauer. Er sagte zu einer Zeit, da der Krimi offiziell noch grundsätz­lich als Schundliteratur eingestuft wurde, frank und frei, im Urlaub lese er gern Kriminalromane.
Spötter meinen, ein sogenannter Klassiker ist ein Buch, welches jeder lobt, aber kaum jemand liest. Jeder Buchhändler wird bestäti­gen, daß flippige Frauenro­mane nach wie vor sehr gefragt sind."
Jeder Beruf will erlernt sein, das gilt ganz besonders für den Beruf des Schriftstellers; auf eine kurze Formel gebracht: auch das Schreiben beginnt als Handwerk, aber in Deutschland unterzieht sich kaum jemand der Mühe, diese Fach zu lernen. Während sich in den USA regelmäßig junge Schriftsteller etablieren, ist es mit dem deutschen Nachwuchs schlecht bestellt.
Deutschspra­chiger Nachwuchs, der wirklich sein Fach erlernt hat und es beherrscht, ist unvermin­dert Mangelware. Die Rettung kommt aus der angelsächsischen Welt, vor allem den USA - keine Saison, in der nicht mindestens zwei bis drei führende deutsche Verlage auf ein zugkräftiges Debüt eines angelsächsischen Schriftstellers in Deutschland setzen - allen voran derzeit die Verlage Goldmann, Hoff­mann & Campe und Droemer - Knaur. Warum kommt solche Lite­ratur drüben regelmäßig von neu­em zustande - und bei uns so sel­ten? Die Antwort ist simpel:
Hierzuland wirkt noch im­mer noch die romantisch-irre Vor­stellung vom Künstler nach, der vermeintlich genialisch aus sich selber schöpft. Dagegen wissen die Angelsachsen längst, daß das Schreiben ein Metier ist, welches man erlernen muß. Weltweit erfolgreiche Schriftsteller, wie Susan Power und Craig Holden haben Ihre Profession praxisorientiert an der Universität studiert, Fachrichtung reative writing.
Wesentlich ist weiter, daß die amerikanischen angehenden Autoren dankbar für die Lehre "bei­spielhafter" Autoren sind. Hier ein typisches Beispiel für hunderte ähnlicher Vorgänge: Der äußerst erfolgreiche Kriminal­schriftsteller James Ellroy lud den jungen Craig Holden zum Mittagessen ein. Er machte sich die Mühe und erklärte Holden bis in letzten Details, was an der er­sten Fassung des Ro­mans ,,Gestern ist nie vorbei" nicht stimmte.
Wo sind in Deutschland die Leitbilder des packenden, ge­genwartsbezogenen Erzählens, die Jüngeren den Weg zeigen? Eines Erzählens, das, im Gegensatz zu unse­rer "Unterhaltung", auch genau über Realität informiert?
Literatur, die für ein Publikum da sein will, läßt sich nicht hoppla hopp zu Papier bringen. Sie ist eine ernste Sache, die mit Kno­chenarbeit verbunden ist.
Sechsmal hat der ebenerwähnte junge Craig Holden sein Manuskript umgeschrieben, bis ei­ne Literaturagentin es akzeptierte und prompt erklärte, warum eine weitere Generalrevision notwendig war. Der Cheflektor des Verlags, der Holden dann ins Programm nahm, forderte gleich eine noch­malige Überarbeitung. Aber da wußte Holden immerhin endlich, daß sich die Schreiberei auch finanziell lohnte.
Es gibt einen großen deutschen Verlag, der ein Auge hat für ,,fertige", sprich, erfolgs- und auflageträchtige, ausländische Autoren. Doch eben dieser Verlag wollte einen schon durch Achtungs­erfolge ausgewiesenen, vielver­sprechenden deutschsprachigen Autor nicht nehmen. Die Begründung für die Ablehnung lautete: Das Manuskript des jungen Deutschen würde zuviel Lektoratsarbeit er­fordern, um sich zu lohnen. Dieser Autor habe zwar Ideen, aber keine Ahnung von der Schreibtechnik, deren virtuose Beherrschung eine elementare Voraussetzung für eine Tätigkeit als Autors sei.  Er möge sich zunächst auf den Hosenboden setzen und das Schriftsteller-Einmaleins erlernen. Verlagsabsagen werden selten mit dieser Deutlichkeit und dieser Ehrlichkeit gegeben.
Lassen Sie mich schließlich noch auf einen neuen Aspekt hinweisen; wirklich Geld verdienen kann man nur mit einem unterhaltenden Produkt, sprich Buch, welches sich nicht nur ins englisch/amerikanische übersetzt wird sondern sich auch noch in ein Drehbuch umarbeiten läßt.
Beatrice Otterbach ist Lektoratsleiterin "Buch u. Medien" in der Unternehmensgruppe Lübbe im rheinischen Bergisch Gladbach. Sie und ihr Team kümmert sich ausschließlich um die Verfilmung verlagseigener Ro­mane für das Fernsehen.
Die Lübbe-Gruppe reagierte da­mit als eine der ersten auf den Boom inlän­disch produzierter TV-Serien und -Filme. Deutsche TV-Movies oder die ,,großen Fernsehromane" warten mit hochkarätigen Stars auf, wel­che die gelegentlich simple Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, zuweilen fast vergessen läßt. Diese veränderte Marktsituation stellte die Produzenten aber auch zunehmend vor ein großes Problem - wo sind möglichst schnell mög­lichst viele geeignete Stoffe aufzu­treiben?
Zwar erhalten Produzenten und Redakteure von den Verlagen die Programmvorschauen, doch fehlt es ihnen oft an der Zeit, das für sie Passende herauszufinden. In die­sem Fall springt Beatrice Otters­bach nur zu gerne in die Bresche. Für ihr seit über zwei Jahren be­stehendes Ressort kann sie auf ein stattliches Repertoire zurückgreifen.
Im Hardcover-Programm des Lübbe-Verlages erscheinen etwa 50 Titel pro Jahr. Bei den Taschen­büchern sind es rund 500 und bei den Bastei-Romanheftserien sogar an die 2000. Für den Anfänger ist es ziemlich sinnlos zu versuchen, mit seinem Erstlingswerk unter die 50 Hardcover-Titel kommen, wesentlich größer sind die Chancen in einer der 2000 Romanserien zu landen und so einen Verlagskontakt zu etablieren. Auch ein junger Kaufmann beginnt seinen Beruf als Lehrling und nicht als Vorstand eines Unternehmens.
Beatrice Ottersbach sucht nach geeigneten Geschichten, besucht Redaktionen, trifft Produzenten und versucht, die oft zufälligen Entdeckungen von Büchern als Filmstoffen zu kanalisieren. Ein Einsatz, der nicht uneigennützig ist. Ein Medium soll vom anderen profitieren, Buch und Film mög­lichst zeitgleich ihr Publikum fin­den, wie beispielsweise bei der Sat l-Serie "Kurklinik Rosenau".
Dieser Stoff war von einem Ba­stei-Autoren-Team entwickelt und den Fernsehmachern angeboten wor­den. In der Folge wurden parallel Drehbücher, Taschenbücher und Heftromane geschrieben. Die "Ro­senau"-Hefte erschienen erstmals im Oktober 1995, das erste Ta­schenbuch kam einen Monat später auf den Markt, kurz vor dem Start der TV-Serie.
Das gezielte Marketing hat Früchte getragen. Mehr als zwei Dutzend Romanstoffe und Serien aus dem Hause Lübbe wurden ver­kauft, besonders gängig sind noch immer Arzt-Stories
Was gibt es hier zu verdienen? Für ein Drehbuch/Treatment wird in Deutschland zwischen 40.000,00 und 160.000,- gezahlt.
Fernsehspiele, Sei­fenopern - in jedem Jahr braucht das deutsche Fernsehen dafür mehr als 10 000 Drehbücher. Gute natürlich. Die Quote fordert Ab­wechslung, Ideen und Autoren, die entsprechend qualifiziert sind. Doch die sind, wie bereits gesagt, in Deutschland selten. "Ambitionierte Hobbyschreiber lan­den höchst selten einen Treffer," sagt der arrivierten deutschen TV-Autor, Felix Huby.
RTL will das nun ändern. Ge­meinsam mit der Stadt Köln hat der Sender einen Schüler-Fernseh­drehbuch-Wettbewerb ins Leben gerufen.
RTL ist nicht der erste Sender, der das versucht. Vor mehr als drei Jahren hatte Sat 1 einen Dreh­buchwettbewerb für Hobbyauto­ren ausgeschrieben. Das Ergebnis war niederschmetternd: Unter den unzähligen eingegangenen Manu­skripten, es waren fast 1.000, gab es kein einziges, das die Mainzer hätten verfilmen wollen.
So ein Resultat ist für NDR-Lektorin Imogen Schmidt Alltag. Pro Jahr schicken ihr Hunderte Amateure ihre Drehbuchversuche. "Fast alles ist unbrauchbar," so Schmidts Erfahrung im Originalton. "Einen spannenden Stoff zu entwickeln und griffige Dialoge zu schreiben ist eine hohe Kunst. Nirgends klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinan­der." Aber ständi­ges Wehklagen hat noch keinen weitergebracht.
Unabdingbar für professionelles Schreiben ist eine gründliche Ausbildung, auch in der reinen Technik des Schreibens. Hierbei ergeben sich zwangsläufig die ersten Kontakte zu Verlagen, Fernsehanstalten und Literaturagenten, die für das spätere Fortkommen von ausschlaggebender Bedeutung sein können. Niemand kann mit einem Bestseller starten. Unabdingbar für einen Profi-Schreiber ist zusätzlich ein Mentor, der im Literaturbetrieb erfolgreich ist. Dieser Mentor muß seinen Schützling in der Spur halten, wie man in der Branche sagt.
Meine Empfehlung: Vergessen sie schleunigst Ratschläge von Literaturkritikern und Literaturwissenschaftler, die selbst noch nichts Herausragendes und Auflagenstarkes publiziert haben. Sie sind wie Eunuchen; sie wissen zwar wie es geht, aber können nicht. Ich persönlich halte nichts davon, wenn zuhauf gute Ratschläge von Menschen erteilt werden, die keine Praktiker sind und selbst keine Erfolge vorzuweisen haben. Mein persönliches Credo, mit dem ich immer sehr gut gefahren bin, besteht darin, nur denen mein Ohr zu leihen, die es "geschafft" haben, wie man so schön sagt, die "oben" sind, die Resultate vorzeigen können."
Fazit: Schreiben ist eine große Kunst, davon zu leben eine noch viel größere.

©2000 by Joachim Nortmann

(Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Joachim Nortmann)




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