Das Ende des Seufzerstapels
oder: Der schnelle Weg zum Wunschbuch
von Nikola Hahn
Welcher Autor kennt das nicht? Monatelang, manchmal jahrelang, hat er recherchiert,
geschrieben, umgeschrieben - und alle Hoffnungen zerbröseln unter einem
Berg von Absagen! Während dem Romancier im Unterhaltungsgenre bei einem
gewissen Quantum an Hartnäckigkeit und (kritischer) Arbeit an seinem Werk
wenigstens der Hauch einer Chance bleibt, irgendwann von einem "richtigen"
Verlag angenommen zu werden, sieht es bei den Autoren der kurzen Formen (Prosa
und Lyrik) am Verlagshimmel gewitterdüster aus. Es gebe mehr Lyrikschreiber
als Leser, bekommt der Poet zu hören, wenn er denn überhaupt irgendwas
zu hören bekommt und sich nicht von vornherein mit EDV-genormten Danke-aber-Schreiben
begnügen muß. Also bleiben nur Resignation oder Reißwolf? Der
Gang in eine Druckerei, die sich Verlag nennt und ständig neue Autoren
sucht, weil sich mit deren Drang nach Öffentlichkeit so schön viel
Geld verdienen läßt? Oder, Ultima ratio, die Herstellung auf eigene
Kosten mit Kisten voller Bücher unterm Bett?
Wie wäre es statt dessen mit folgender Variante: Das Buch erst dann drucken
zu lassen, wenn es jemand kaufen will? Oder mal eben dreißig Exemplare
eines Lyrikbändchens in Auftrag zu geben, weil der Autor sie für eine
Lesung oder als Geschenk zu Weihnachten braucht? Und das alles zu einem Preis,
der Druckkostenzuschußverlegern die Schamesröte ins Gesicht treibt?
Printing on Demand und Books on Demand heißen die Zauberwörter, die
versprechen, wovon selbst mit unerschütterlichem Optimismus geschlagene
Autoren bislang kaum zu träumen wagten: Der schnelle Weg zum Wunschbuch!
Beide Begriffe bezeichnen ein digitales Druckverfahren, das im Gegensatz zum
konventionellen Druck die Herstellung kleiner und kleinster Auflagen kostengünstig
und in kurzer Zeit ermöglicht.
Beim Printing on Demand wird dabei von einer Mindestauflage von ca. 30 Exemplaren
ausgegangen, die im Block (also jeweils in der Menge von 30 Exemplaren) gedruckt
oder nachgedruckt werden.
Noch variabler gestaltet sich das System Books on Demand, das das Buchhandelsgroßunternehmen
Libri zu einem Konzept weiterentwickelte, das nicht nur eine Startauflage von
Null Exemplaren, sondern zusätzlich die Anbindung an den Buchhandel vorsieht,
was nichts anderes heißt, als daß das Buch erst dann gedruckt wird,
wenn eine entsprechende Bestellung beim Grossisten eingeht. Das Beste daran:
Herstellung und Auslieferung des Buches erfolgen innerhalb eines Tages!
Die gerade in Kleinstverlagen oder auch bei Druckkostenzuschußbetrieben
vom Buchhandel und von Lesern gleichermaßen beklagte lange Lieferzeit
der Bücher entfällt damit ebenso wie das Auflagenrisiko und die teure
Vorfinanzierung von nicht (sofort) ver-käuflichen Büchern. Die meisten
Books on Demand werden als Softcover oder Broschur hergestellt; aber auch Hardcover
sind möglich. Die Gestaltung des Werkes übernimmt der Autor weitgehend
selbst.
Um ein Beispiel zu zeigen: Für den Druck eines 120seitigen Taschenbuches
mit zweifarbigem Umschlag und einer anvisierten Auflagenhöhe von 200 Stück
wären bei Books on Demand etwa fünfhundert Mark einmalige Kosten für
Speicherung der Druckvorlage als digitale Druckdatei und für die Herstellung
des Buchumschlages zu zahlen und dazu pro gedruckter Seite drei Pfennig. In
Zahlen ausgedrückt heißt das: Ca. 500 DM Einmalkosten plus 120 Seiten
x 0,03 DM x 200 Stück = 1220 DM. Im konventionellen Druck lägen die
Kosten ca. 500 DM höher, vorausgesetzt, man ließe die gesamte Auflage
sofort drucken. Der unbestreitbare Vorteil bei Books on Demand liegt jedoch
darin, daß außer den Einmalkosten nur noch die tatsächlich
benötigten Bücher gedruckt und bezahlt werden.
Hier eröffnet sich auch dem Autor mit Kleinstauflagen die Möglichkeit,
einen bescheidenen Verdienst aus dem Verkauf seiner Bücher zu ziehen, und
er ist nicht gezwungen, wie es leider bei vielen "Druckkostenzuschußverlagen"
der Fall ist, neben den ohnehin überteuerten Herstellungskosten ein zweites
Mal zu bezahlen, wenn er Bücher für den Verkauf über den Verlag
bezieht. Books on Demand bietet allem vorweg die Möglichkeit, schnell und
preisgünstig zum eigenen Buch zu kommen.
Die eigentliche Faszination dieses neuen Mediums liegt aber sicher darin, exklusive
Leserwünsche zu befriedigen, Literatur für die Öffentlichkeit
zugänglich zu machen, die nicht der Qualität sondern der Vermarktbarkeit
wegen kein Interesse in etablierten Verlagen findet.
Bei aller Euphorie über die schöne, neue Bücherwelt soll zum
Schluß eines nicht verschwiegen werden: In jeder Vereinfachung liegt die
Gefahr der Beliebigkeit. Es wird vor allem in der verantwortlichen Hand der
Books on Demand-Autoren liegen, wie ihre "Produkte" im Handel und
bei den Lesern ankommen. Auch On Demand verkaufen sich Bücher nicht von
allein! Neben geeigneten Werbemaßnahmen ist eine kritische Einstellung
sich und seinem Werk gegenüber vonnöten, soll Books on Demand nicht
allzu schnell in den Ruf kommen, nur Werke hervorzubringen, die besser ungedruckt
geblieben wären.
(Anmerkung: Wer auf den Geschmack gekommen ist, und sich
ausführlich informieren möchte, dem sei das Buch Für Autoren
und Selbstverlag: Publishing on Demand, Direkt und kostengünstig vom Manuskript
zur Buchveröffentlichung, Verlag Plinke, Berlin 1999, Tb, 94 Seiten, 19,80
DM, ISBN: 3-932909-89-5 empfohlen. Hier finden sich nicht nur detaillierte Kalkulationsbeispiele
(unter anderem auch das von mir im Text genannte), sondern auch Anbieteradressen,
praktische Tips, Checklisten, und ein (an)faßbares Beispiel dafür,
wie Books on Demand aussehen: Es ist auch eins!)
©1999 by Nikola
Hahn, aus: IGdA-aktuell,
Heft Nr. 4/99
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