Wertvolle Tipps


ALTE RÖMER – JUNGE LEKTOREN
von Joachim Nortmann

Quis leget haec – Wer soll das Zeug lesen, das sagte bereits der römische Satiriker Flaccus (34 – 62 n. Chr.). Und dieser Ausspruch ist auch heute noch für jeden Verlagslektor brennend aktuell. Bei ihm, dem Verlagslektor, liegt die letzte Entscheidung, ob ein Manuskript von einem Verlag als Buch herausgebracht wird oder nicht.Verlage sind keine Wohlfahrtsinstitute für beflissene Schriftsteller und solche, die sich dafür halten; nein, Verlage sind auf Gewinn ausgerichtete wirtschaftliche Unternehmen, deren Wohl und Weh von der Auflagenhöhe der von ihnen am Markt abgesetzten Bücher abhängt. Es geht den Verlagen und ihren Beauftragten, den Lektoren,  in erster Linie nicht um hehre Kunst, sondern um schnöden Profit. Der Verlagslektor spielt eine zentrale Rolle im Verlagsgeschäft; doch vorbei sind die Zeiten, da er oder sie Ideen zu einem Buch entwickelten und es bis zur Marktreife brachten. Die enge Zusammenarbeit mit Autoren ist neuerdings auf ein Minimum geschrumpft. Die Zeit der Verlagslektoren nehmen die Kollegen der Vertriebs-, Werbe-, der Lizenz- und Herstellungsabteilung in Anspruch und sie müssen ihre guten Kenntnisse auf dem Sektor verlagsspezifischer Finanz- und Rechnungswesen unter Beweis stellen.

Am wichtigsten sind zweifelsohne jedoch die Fähigkeiten, den Markt d. h. den Käufer und Leser und dessen Bedürfnisse zu verstehen.


Die Verlagslektoren wissen, dass die meisten Autoren eine viel größere potentielle Leserschaft für ihre Bücher annehmen als realistisch ist. Sie untersuchen daher, wie der Autor seine Leserschaft definiert und mit welcher Begründung.

Wenn der Autor keine gut begründete Vorstellung von seinen Lesern hat, kann man getrost davon ausgehen, daß sein Buch ein Flop wird,
so Gill Davies, Urmutter aller LektorInnen.
Und sie gibt den jungen Verlagslektoren folgende Ratschläge:
1. Wenn der Autor seine Leserschaft nicht deutlich definiert hat, bitten Sie ihn um ein Leserprofil.
2. Lassen Sie dieses Profil im Hinblick auf die vermutete Nachfrage genau analysieren.
3. Stellen Sie sicher, daß ein Autor, dessen Buch auf ein bestimmtes Niveau zielt, kein höheres oder niedrigeres Niveau auf dem Markt ansprechen will.
4. Erbitten Sie sich vom Autor schriftliche statistische Belege, falls Sie von der Richtigkeit seiner Angaben bezüglich des zu erwar­tenden Marktanteils nicht ganz überzeugt sind. Autoren spre­chen gern von einem »wachsenden Markt«. Selbst wenn der Markt im Wachstum begriffen ist: Reicht das aus, um für ihn, diesen angeblich »wachsenden Markt«, zu publizieren?
5. Bitten Sie den Autor, genau zu bestimmen, was seine zukünftige Leserschaft  liest. Gibt es zu seinem Gebiet schon jetzt gut etablierte Bücher? Was fehlt denen? Weshalb ist dieses Werk besser? Autoren sollten dies detailliert darlegen können; oberflächliche Aussagen wie »Die anderen Bücher taugen nichts« sind wertlos. Statt dessen benötigen Sie eine Analyse der Stärken und Schwächen der Konkurrenzliteratur, die zudem sichtbar nachweist, wie das angebotene Werk die Schwächen der anderen Bücher überwinden will.
6. Wenn das Buch anscheinend all die eben beschriebenen Kriterien erfüllt, ist es von Umfang und Format her so konzipiert, daß sich ein marktfähiger Preis dafür machen läßt? Falls es zu umfangreich und in der Herstellung zu teuer wird, nimmt es möglicherweise der Markt aufgrund des Preises nicht an. Tableau, der junge Autor muß sich darauf einstellen, daß sein Werk vom Verlagslektor an diesen Kriterien gemessen wird und sich entsprechend darauf vorbereiten.
Welche Schlußfolgerungen lassen sich hieraus ziehen?

- Lernen Sie zuerst die Grundfertigkeiten Ihres Handwerks: fiction zu schreiben nach den Anforderungen von Mimesis (Nachahmung der Wirklichkeit) und Erzählillusion.
Bleiben sie anfangs bei einfachen Strukturen z. B. Beziehungsgeschichten (Dauerbrenner) wie typische Liebesgeschichte (»Junge trifft Mädchen«), oder Dreiecksgeschichte (»Frau zwischen zwei Männern«, Mann zwischen zwei Frauen«), Freundschaftsgeschichte (»aus Gegnern werden Freunde«, »aus Freunden werden Gegner«), oder Geschichte von Familien(fehden) (»Kampf zweier Familien bzw. Parteien; Familien brechen auseinander; Familien entfalten sich und verfallen wieder)
- Vergessen Sie nicht, daß um den literarischen Charakter in der Mitte des narrativen Kreises sich eine Geschichte dreht. Und daß die Quadratur dieses Kreises vier Kanten hat, die lauten: Emotion, Konflikt, Geheimnis und Bewegung.
- Finden Sie einen Ausgleich zwischen Ihren eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen des Marktes. Dies bedeutet nicht, nur nach Verkaufszahlen zu schielen und möglichst seicht, verlogen und klischeehaft zu schreiben. Wer so denkt, hält die Leser für dümmer, als sie sind.
- Seien Sie unterhaltsam in einem Sinn, der die Unterhaltungsprogramme privater Fernsehanstalten Lügen straft.
- Negieren Sie alle ideologischen Positionen und schreiben Sie möglichst gut, sprich, fesselnd, spannend, lustvoll und wahr.
- Versuchen Sie nicht, um jeden Preis originell zu sein. Manierismen sind keine Markenzeichen für Qualität.
- Vermeiden Sie unbedingt Langeweile. Wer eine Botschaft rüberbringen oder seine Kunstfertigkeit zeigen will, muß daran denken, daß er ein Publikum braucht. Sonst befriedigt er nur sich selbst und versandet wie der Rufer in der Wüste. - Kombinieren Sie Ihre Suche nach Wahrheit und Wahr­haftigkeit damit, neugierig zu machen, Interesse zu wecken und zu faszinieren.
- Versuchen Sie, mehr zu sein als ein mittelmäßiger Autor, und nehmen Sie sich G. C. Lichtenbergs Bemerkung zu Herzen: »Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen, was der größte Teil der Menschen denkt oder fühlt, ohne es zu wissen. Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben.«Und noch auf ein weiteres muß sich der junge Autor einstellen, das schlechte Benehmen der Verlagslektoren.

Als meinen Kronzeugen hierfür rufe ich Gill Davies auf:
„Arroganz, Egoismus und Überschwänglichkeit gehören zur Grundausrüstung eines Lektors. Ein Touch von allen Dreien macht die Sporen aus, die Lektoren vorwärts treiben und ihnen den Schneid geben zu entscheiden, was publiziert werden soll, und das Projekt dann immer wieder ins Gespräch bringen und darauf drängen, daß es durchgesetzt wird.

Wenn das jedoch Überhand nimmt oder offensichtlich zum Selbstzweck wird, dann ist es höchst unattraktiv und destruktiv. Nur die hervorragendsten Talente unter den Lektoren können sich die Allüren einer Primadonna erlauben.
“Verlagslektoren  sind bei Gott keine Engel.
Wie schnell selbst Lektoren Bedenken aller Art über Bord werfen und ein Buch auf den Markt bringen, wenn nur das Thema „heiß“ genug ist für eine große Leserschaft, zeigte Alan Posner im Februar dieses Jahres an aktuellen Beispielen in seinem Artikel „Wozu Lektoren“ in der „Welt“.
Hier der leicht gekürzte Originaltext:
»Immer wieder kam es zu Progromen. Soweit die Juden in Ruhe gelassen wurden, durften sie nur in abgeschotteten Gettos leben ... Der Druck, sich der Verfolgung zu entziehen, schuf eine ganz spezielle Art des europäischen Judentums: Die Juden drängten ihre jüdische Identität zurück und bemühten sich, in der christlichen Gesellschaft aufzugehen."
So fasst Erfolgsautor Edwin Black in seinem Buch "IBM und der Holocaust" die Geschichte der Juden in Deutschland und Westeuropa zwischen dem vierten und 19. Jahrhundert zusammen. Assimilation nicht als Ergebnis bürgerlicher Emanzipation, sondern mittelalterlicher Unterdrückung - ein Unsinn, der Zweifel an Blacks sonstiger Kompetenz als Historiker aufwirft. Kein deutscher Lehrer würde einem Abiturienten so etwas durchgehen lassen.
Ein deutscher Lektor schon - wenn es sich um einen potentiellen Bestseller aus den USA handelt, dessen Autor als Sohn von Holocaust-Überlebenden quasi genetisch Deutungsautorität erhält und sein Werk pathetisch "den sechs Millionen" widmet, "die es nicht lesen werden".
Unweigerlich denkt man an jenen anderen Sohn von Holocaust-Überlebenden, der gerade seine Deutschland-Tournee beendet hat und von seiner Polemik gegen die "Abzocker" der "Holocaust-Industrie", zu denen er zweifellos seinen Landsmann Black zählen würde, in einer Woche über 100 000 Stück in Deutschland absetzen konnte: Norman Finkelstein.
Beide Autoren arbeiten mit den Mitteln der Schuld durch Assoziation, der unbelegten Behauptung, der trüben Quellen der Halbwahrheit, der schrecklichen Vereinfachung. Wäre Norman Finkelstein, sagen wir, Sohn eines SA-Mitglieds; wäre Edwin Black nicht ein amerikanischer, sondern ein österreichischer Sciencefiction-Autor - deutsche Verlagslektoren hätten ihre Manuskripte dem Papierkorb anvertraut. Und zwar nicht aus Gründen politischer Zensur, sondern handwerklicher Sauberkeit. Dazu sind Lektoren da. Wozu sonst?...
Was die Fälle Finkelstein und Black beweisen:
Seriöse Verlage lassen alle Sorgfalt fahren und vermarkten unseriöse Bücher mit großem Aufwand.
Das Motiv?
Genau.
Schnöder Profit.

Dennoch, streiten sollte man sich tunlichst nicht mit dem Verlagslektor, dies gliche dem Versuch, Schneebälle zu rösten. Der Verlagslektor sitzt dem jungen Autor gegenüber immer am längeren Hebel.
Wer sich als Autor durchsetzen will, geht in aller Regel einen dornigen Weg. Er wird viele Absagen einstecken müssen und immer wieder feststellen, daß der Markt überlaufen ist und seine zahlreiche Konkurrenz ebensowenig schläft wie er. Spötter höhnen, die meisten Männer der Feder sollten sich diese an den Hut stecken.
Zum Trost, selbst Erfolgsautorin Patricia Highsmith blieb in den ersten sechs Jahren ihrer schriftstellerischen Laufbahn mehr und weniger erfolglos; dann hatte sie Glück, als sie „die richtige Publicity zur richtigen Zeit“ bekam, wie sie bekennt.
Ohne Durchhaltewillen, Frustrationstoleranz und nicht zuletzt einem Quäntchen Glück sollte er sich nicht allzu viele Chancen einräumen.

Persönliche Nachschrift:
Balsam für frustrierte Autoren ist die Tatsache, dass die Verlagslektoren, die Halbgötter über Dichterschicksale, sich bei der Beurteilung von Manuskripten gelegentlich fürchterlich irren. Eine gute Bekannte gab in diesen Tagen eine große Fete, weil genau zu diesem Zeitpunkt 52 Mio. Exemplare ihrer Bücher, die sie in den letzten 25 Jahren geschrieben hat, verkauft worden waren. Suhrkamp, ein Großverleger, schickte ihr einst ihre Manuskript zurück mit der Bemerkung (sinngemäß): Solchen Mist drucken wir nicht.
Econ, ein weiterer, hoch angesehener Buchverlag, retournierte ihr Manuskript wenig später mit den Worten (in etwa), Anfängergestammel von untalentierten Möchte-gern-Schreibern bearbeite man nicht.
Selbst Umberto Eco, Verfasser des Bestsellers „Der Name der Rose“ fiel bei einigen deutschen Verlagslektoren durch. Als man ihnen die Lizenz des Buches für Deutschland anbot, winkte man ab, es  sei hierfür kein Publikumsinteresse vorhanden.
Vor wenigen Tagen lief im "Frühstücksbuffet" des ZDF eine für Verlage und ihre Lektoren wenig schmeichelhafte Reportage. Im Mittelpunkt stand eine herbe Kritik an den Lektoren, die beschuldigt wurden, die junge deutsche Literatur abzuwürgen. Auch die Verleger bekamen kräftig ihr Fett weg. Die Quintessenz lautete, nicht verklemmte Germanisten und neurotische Literaturwissenschaftler, die selbst noch kein erfolgreiches Buch geschrieben haben, gehörten auf den Lektorensessel, sondern Männer und Frauen mit profunden Verkaufserfahrungen, die wissen was das Publikum lesen will. An dieser These könnte etwas Wahres dran sein.

Unbestritten ist und bleibt, heute wie einst, was die alten Römer Ihren angehenden Schriftstellern als Lehrsatz einbläuten: Aut prodesse volunt aut delectare poetae – Entweder Nutzen bringen oder Freude bereiten wollen/sollen die Dichter.

© by Joachim Nortmann



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